Credits

Regie: Uli Jäckle | Text: Ensemble, nach Motiven aus "De Noorderlingen" von A. v. Warmerdam | Musik: Roman Keller | Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt
mit: Florian Brandhorst, Arnd Heuwinkel, Thomas Klees, Jochen Klüssendorf, Irene Eichenberger, Christine Rollar, Luzia Schelling, Erich Wyss

Eine Koproduktion mit dem Stadttheater Hildesheim. Gefördert durch das Land Niedersachsen, die Friedrich Weinhagen Stiftung Hildesheim und die Niedersächsische Lottostiftung

Termine

  • Okt. 2003 | Tagung der Dramaturgischen Gesellschaft Hildesheim
  • Sep. 2003 | FFT Düsseldorf
  • Jun. 2003 | transeuropa-Festival Hildesheim
  • Jan. – Feb. 2003 | Stadttheater Hildesheim
  • Okt. – Nov. 2002 | Stadttheater Hildesheim
  • 17. Okt. 2002 | Stadttheater Hildesheim | Premiere

Pressestimmen

ES GESCHAH BEIM BEGIESSEN DER TOPFPFLANZE 
"Während die erwachsenen Försters, Metzgers und Jägers mit ihren sexuellen Neurosen beschäftigt sind, befreit Thomas, der ein leidenschaftlicher Verehrer des kongolesischen Freiheitskämpfers Patrice Lumumba ist, einen echten Eingeborenen, den zwei Afrika-Missionare ins Dorf gebracht haben. Der Schwarze läuft in den Wald, wo ein Mord geschieht... In knappen, oft vom Licht geschnittenen Szenen zoomt Regisseur Uli Jäckle die Zusschaueraugen schnell auf groteske Details, die sich verselbständigen und eine Jacques-Tati-hafte Komik entwickeln. Weder diese filmische Strukturierung noch Sabine Kohlstedts enges, bis auf Radio und Zimmerpflanze abstraktes Bühnenbild stellen den fabelhaften ASPIK-Schauspielern ein Bein: Christine Rollars Thomas lebt sein Lumumba-Fantum so rigoros und aufrecht, wie es nur Menschen vor der Pubertät gelingt. Seine extremkatholische Mutter (Irene Eichenberger) hat sich komplett ins intime Zwiegespräch mit dem heiligen Tierfreund Franziskus (Jochen Klüssendorf) zurückgezogen, der ihr - obwohl auf einem Rollbrettchen festgeschnallt - mehr vor Lust als Frömmigkeit verzückte Blicke entlockt. Erich Wyss als zurückgwiesener Gatte findet in der Jägersfrau (Luzia Schelling) eine Leidensgenossin, und wie beide dies beim smalltalkenden Begießen der Topfpflanze feststellen, ohne darüber ein Wort zu verlieren, ist sensationell - genauso wie die spießig-perversen Tierspielchen, die Arnd Heuwinkels Jäger braucht, um über seine Unfruchtbarkeit hinwegzusehen. Vielleicht sind ja doch noch nicht alle Neurosen historisch!"
Eva Behrendt, Theater heute, Jahrbuch 2003

MESSERSCHARF, ALLERLIEBST
„Hinterland spielt nicht in Afrika, auch wenn Radiostimmen davon erzählen, Hinterland ist die Geschichte von der Kolonisierung unserer eigenen Welt. Die Schauspieler erzählen mit unglaublicher, wohltuender Gelassenheit, mit etuedenhafter Leichtigkeit und allerschwärzestem Witz die Geschichte eines kleinen Dorfes irgendwo am Rande der (europäischen) Welt. Auf einem dünnen Teppich aus Geräuschen, Textfragmenten und Radioeinspielungen schwebt ihr Spiel voller unglaublicher Details und schrecklicher Abgründe. Eine kluge und zarte Erzählung. Messerscharf und allerliebst.“
Ruth Heynen, Neue Ruhr-Zeitung, 27.09.2003

"Mitten im Stück klingt es auf einmal so, als ob die Kirchturmglocken alles erschlagen möchten. Die rabenschwarze Satire der Inszenierung von Uli Jäckle konzentriert sich auf einzelne Szenen, skurrile Auftritte der einzelnen Charaktere. Dabei kommen gut choreographierte, synchrone Auftritte des Förster- und Metzgerehepaares zustande, die es in spiegelverkehrter Mann-Frau-Anordnung nicht schaffen, einander an die Wäsche zu gehen. Sehr schön werden Motive durchgehalten wie das der Vögel, des Wilden und Freien im Gegensatz zu den stoischen Abläufen, die sich in der fanatischen Religiosität der Metzgersgattin abzeichnen."
Max Florian Kühlem, Rheinische Post, 26.09.2003

TANZENDE SAU UND SCHWEBENDE JUNGFRAU
Begeisterter Beifall für die neue Inszenierung von Theater ASPIK
"(...) Angelehnt an den (preisgekrönten) Film wurde zehn Jahre später das (preisverdächtige" Theaterstück HINTERLAND. Die Bühne von Sabine Kohlstedt, die auch für dei Kostüme verantwortlich zeichnet, ist so einfach wie genial: Zwei alte Röhrenradios auf Rollwagen, zwei Stehlampen, ein paar Hocker, ein Zierstrauch. Ein U-förmiges Bühnenelement deutet eine Hauswand mit reisigem Fenster an und teilt die Bühne in zwei fast identisch ausgestattete Räume. Diese sind mal Innen-, mal Außen, mal Fantasieraum und werden häufig gleichzeitig bespielt. Im Mittelpunkt des düsteren Märchens steht der zwölfjährige Thomas (Christine Rollar). Er wohnt mit seinen Eltern in den 60ern in einer sterilen Reihenhaussiedlung, in der es außer der Fleischerei keine weitere Attraktion gibt - abgesehen von der Schule, wo die Kinder vor allem enervierend-monotone Kompositionen des Lehrers (Florian Brandhorst) spielen müssen. Mit Thomas werden die Zuschauer Zeuge der menschlichen Unzulänglichkeiten, seelischen und sexuellen Nöte der erwachsenen Protagonisten, in erster Linie seiner Eltern. Da sitzt Jakob Merckelbach (Erich Wyss) am Röhrenradio und versucht unbeholfen, mit seiner Frau Martha (Irene Eichenberger) in körperlichen Kontakt zu treten. Martha kniet betend vor einer Heiligenstue des Franz von Assisi und ist nicht empfänglich für Sex.
Die gleiche Tanzmusik aus dem Radio. Elisabeth Kindermann (Luzia Schelling), die Frau des Jägers, will ein Kind von ihrem Mann Anton (Arnd Heuwinkel), der ihre ein-zweideutigen Aufforderungen ignoriert. (...) Thomas flüchtet sich ans Radio, wo er gebannt den Nachrichten über den verehrten Patrice Lumumba lauscht, der im fernen Kongo seinen Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unetrdrückung führt. Die fast zweistündige Inszenierung besticht durch ihre atmosphärische Dichte und Musikalität. Spiel und Text der Schauspieler, Licht, Musik und Ton (Roman Keller) sind fein aufeinander abgestimmt und organisch ineinander verwoben. Es entstehen höchst ausgeklügelte, aber fließende Übergänge von einer Szene zur nächsten, in denen dem Zuschauer die Figuren mit ihren tragikomischen Geschichten näherkommen. Trotz aller dunklen Leiden- und Machenschaften gibt es neben sehr witzigen, slapstickhaften Elementen immer wieder anrührende Momente voller Zartheit in dieser jeden Zynismus vermeidenden Inszenierung.
Seine Stärke bezieht das Stück aber auch aus der hervorragenden Leistung des achtköpfigen Schauspielensembles. Und die achtwöchige Probenzeit macht sich bezahlt: Hinterland sprüht vor szenischen Einfällen. (...)"
ath, Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 19. Oktober 2002