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SCHILLER – GERÄUBERT

SCHILLER – GERÄUBERT
 

"Wer einen Mythos kreiert, dem kann es widerfahren, dass er selbst zum Mythos wird. Schillers Ruhm ist von dieser Art. Bereits zu seinen Lebzeiten beginnen jene Schillerfeiern, die nach seinem Tod zum nationalen Festtagskalender gehören werden. Schiller fühlt sich in der Rolle des nationalen Helden unbehaglich. Der Ruhm, auch wenn er ihn genießt, macht ihn verlegen".

 

Die Spuren, die im Jahr 2005 zu Schiller führen, sind ebenso zahlreich wie vielfältig. Wen gilt es zu entdecken? Schiller, den pathetischen Klassiker, den wir zu kennen meinen? Schiller, den Verfasser einer literarischen Rebellion, Sprachrohr eines ewig brodelnden Generationskonfliktes? Oder vielleicht Schiller, den wirkungsbewussten Drehbuchautor, der, hätte es das kino zu seinen Lebzeiten schon gegeben, gewusst hätte, welche Melange aus Tiefsinn und Abenteuerlust, Emotion und Verstand, das Publikum einen Abend lang zu fesseln vermag?

Das Schauspiel des Staatstheaters Stuttgart begibt sich auf eine Entdeckungsfahrt in Sachen Schiller. Reiseführer werden der seinerzeit erfolgreiche Trivialautor August von Kotzebue, Goethes Sekretär Johann Peter Eckemann und der Geheimrat selbst sein. Sie alle sind auf der Suche nach dem poetischen Geist Schillers. Fahndet die eine Partei nach Schillers Ideenkraft, interessiert die andere das Vermögen, dem Theater zu geben, was des Theaters ist: Intrige, Leidenschaft, Abenteuer... Sie alle wollen das schier Unmögliche leisten: Die rohe Ideenskizze Schillers für eine Fortsetzung der "Räuber" im Sinne des Meisters zu vollenden.

Die philosophisch-abenteuerlich-unterhaltsame Reiseroute führt von Marbach nach Ludwigsburg und quer durchs dichterische Werk Schillers.

CREDITS

Regie: Uli Jäckle | Text: Carsten Schneider|Musikalische Leitung: Roman Keller | Bühne: Thomas Rump | Kostüme: Elena Anatolevna| Dramaturgie: Beate Seidel

mit: Gisela Aderhold, Bernhard Baier, Sabine Bräuning, Florian Brandhorst, Boris Burgstaller, Hubertus Grimm, Arnd Heuwinkel, Thomas Klees, Reinhold Ohngemach, Nannita Peschke, Luzia Schelling, Christoph Wieschke

Koproduktion mit dem Staatstheater Stuttgart und dem Deutschen Literaturarchiv Marbach

TERMINE

  •     Mai 2005 | Marbach/Deutsches Literaturarchiv/Schloss Ludwigsburg

  •     5. Mai 2005 | Marbach/Deutsches Literaturarchiv/Schloss Ludwigsburg | Premiere

PRESSESTIMMEN

VERGANGENHEIT UND GEGENWART VEREINT

"Schiller - Geräubert!" zeigt sich als buntes und lebhaftes Spektakel, mit dem das Staatstheater die Zuschauer mitnimmt auf eine Reise durch die Landschaft, durch die Zeit und vor allem in das Land der Phantasie.

Marbach Altstadt, dort wo Schiller geboren wurde, ist die erste Station. Bunt geht es schon hier zu, wo Charlotte Schiller zwischen Räuber spielenden Kindern und dem Gekeife der Frau von Kalb einen Preis auslobt für die Fortsetzung der "Räuber" ihres vor 200 Jahren verstorbenen Mannes. Die Herren Goethe, im schwer patinabelegten Denkmalsdress und der Trivialschriftsteller Kotzebue, ein Popstar, der mit Cheerleadern und Stretchlimousine vorfährt, streiten sich um diese Ehre. Wo kann man die Fortsetzung dieses Fragments von Schiller finden? Natürlich in seinem Kopf! Und der ist im Literaturarchiv, (...) wo Eckermann und Goethe den Schädel Schillers suchen. (...) Eine Aufführung der besonderen Art ist Regisseur Uli Jäckle hier gelungen. Hier findet keine bierernste Hommage statt, sondern ein munteres Treiben, das auch über vier Stunden weder langweilt, noch den Zusammenhang verliert.

Arnim Bauer, Stuttgarter Nachrichten, 07.05.2005

SCHWERER JOB FÜR FREUND GOETHE

Deutschlands Schiller-Jahr ist um eine Attraktion reicher. "Schiller-Geräubert!" heißt eine amüsante Satire auf die bundesweiten Feierlichkeiten, die in Marbach und auf Schloss Ludwigsburg Premiere hatte.  Rund 200 Zuschauer gingen mit auf die Theaterreise und waren fast durchweg begeistert. Auf der Busreise des Staatstheaters Stuttgart ließen sie sich von Regisseur Uli Jäckle, Theaterautor Carsten Schneider und Dramaturgin Beater Seidel an historische Stätten führen - mit vielen kecken Zitatbeispielen und immer reichlich Spannung.

Zum Start des rund vierstündigen Spektakels stellt ein Schillerlotse die wichtigsten der immerhin 100 Akteure vor. Zu nennen sind vor allem Schillers Kollegen Goethe (Reinhold Ohngemach) und August von Kotzbiue (Arnd Heuwinkel), der ehemals meistgespielte Dramatiker in ganz Europa. Die beiden treten kurz vor Schillers Todestag am 9. Mai in einen Wettbewerb: Es gilt, den zweiten Teil zu Schillers erfolgreichem Erstling "Die Räuber" zu vollenden. Goethe und Kotzbue kämpfen dabei nicht nur um Siegerlorbeer und Publikumsgunst, sondern vor allem um ihren Ruf.

Ulf Mauder, N.V.Z., 07.05.2005

WER IST DER GRÖSSTE KOPF DES JAHRTAUSENDS? Spektakel mit Tiefgang

Schiller ist nicht weit gereist, das hat sich weltweit herumgesprochen. Wie viel man jedoch allein auf einer Fahrt zwischen Ludwigsburg und Marbach über Schiller erfahren kann, beweist jetzt das Theaterprojekt "Schiller-Geräubert!", eine Kooperation vom Deutschen Literaturarchiv, dem Staatstheater Stuttgart und dem freien Theater ASPIK. Doch was heißt hier Theaterprojekt? Ein schillerndes Spaktakel ersten Ranges hatte am Donnerstag Premiere.

Wer ist der größte Kopf des Jahrtausends? Ist es Goethe, ist es Schiller? Bei den Frühromantikern war es ein beliebtes Gesellschaftsspiel, die Dichtergrößen aneinander zu messen. Die aktuelle Inszenierung aber bringt einen Dritten ins Spiel: August von Kotzbue, den "Dieter Bohlen" des 18. Jahrhunderts.

Friedrich Schiller muss auf jeden Fall einer der Genialen gewesen sein, denn ihn  wollen die genannten Herren nach einer Zeitreise zu seinem 200. Todestag ehren. Schillers treues Eheweib hatte den Auftrag eigentlich Herrn von Goethe angetragen. Doch der intrigante Kotzbue schoss den Vogel -sprich die Brieftaube- ab und macht sich seinerseits auf nach Marbach. Dort trifft zwar auch Goethe vor Schillers Geburtshaus ein, doch das ist purer Zufall: Eigentlich war er auf einer italienischen Reise und muss wohl mit dem Geheimrad falsch abgebogen sein.

Spätestens an dieser Stelle ist klar: Dieses Theaterstück könnte spaßig werden. Die vierstündige Reise an die Originalschausplätze von Schillers Leben führt quer durch ein dichterisches Werk und macht bekannt mit jenen, die in seinem Umfeld eine wichtige Rolle spielten. Dass Christina von Kotzbue (Nannita Peschke) und Johann Peter Eckermann (Boris Burgstaller) nur indirekt dazu gehören, verzeiht man ihnen gern. Die schrille Mutter und der devote Sekratär geben unterhaltsame Sekundanten.

Mit ihrer Hilfe machen sich Goethe und Kotzebue auf die Suche nach dem Fragment von Schillers "Räuber Teil II", das im Rahmen eines Dichterwettstreits zu Ende geschrieben werden soll. Damit ist das Publikum auf zwei Fährten gesetzt: Zum Einen werden die nationalen Schillerfeiern zur Satire, zum Anderen wird die Frage gestellt, was Theater kann und welche Form von Literatur den Sieg davon trägt. Hat nur der pathetische Klassiker seine Daseinsberechtigung? Wieviel Sex und Crime vertragen die Texte, bis sie ins Triviale abgleiten?

Die Inszenierung liefert die Antwort selbst. Die Texte sind gespickt mit geistreichen Wortspielereien und Zitaten. Unterschiedliche Szenen und Spielformen sowie die Livemusik sorgen für Abwechslung, wobei dem Aufenthalt im Literaturarchiv eine Straffung gut getan hätte. Grandios ist der Auftritt des herzoglichen Landesvaters Carl Eugen (Florian Brandhorst) vor der historischen Kulisse in Ludwigsburg, wie überhaupt die Szenen im und am Schloss(-theater).

Sabine Müller, Marbacher Zeitung, 07.05.2005