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SPEKULATIONEN

6.Oktober 2020. Die Bundesregierung hat ein Gesetz erlassen, das die künstliche Herstellung von menschlichen Phänotypen erstmals erlaubt. Gleichzeitig scheinen in den Städten die Tiere das Kommando zu übernehmen: Eine erhöhte Elchdichte wird beobachtet, die Natur dringt vor. Aber warum meldet der Deutschlandfunk, dass keine Nachrichten vorliegen? Und wo kriegt man Blumen her, wenn Holland unter Wasser steht und es keine Bienen mehr gibt? Theater Aspik spekuliert sich 10 Jahre in die Zukunft und wirft von dort aus einen verwunderten Blick zurück auf die Gegenwart.

Ausgangspunkt dieser szenischen Recherche ist die konkrete mediale Berichterstattung von unserem Stichtag, dem 6. Oktober 2010: An diesem Tag wurden regionale und überregionale Zeitungen durchforstet, Radio- und TV-Nachrichten aufgenommen und Passanten auf der Straße befragt: Was wäre wenn? Wie sähen die entsprechenden Nachrichten am 06. Oktober 2020 aus?  In Zusammenarbeit mit dem Autor Carsten Schneider, der aus den Stimmen und Statements zum 6. Oktober eine Hörspielcollage entwickelt hat, ist dabei die Vision einer Zukunft entstanden -  Utopie? Oder apokalyptisches Szenario? Weder Fortschritte noch Katastrophen werden etwas daran ändern, dass wir uns auch in 10 Jahren mit allerlei wichtigen und unsinnigen Wünschen und Ängsten herumschlagen werden. Die Prognose für 2020 lautet daher: Alles bleibt anders.  

ZUKUNFT IM SCHAUFENSTER  

Bei dieser Beschäftigung mit dem tagesaktuellen Nachrichtencocktail (aus Welt- und Lokalpolitik, Wirtschaft, Kultur und Vermischtem) geht es allerdings weniger um die konkreten Antworten auf eine Frage, die sich sowieso nicht beantworten lässt, sondern vielmehr um die Ängste, die Hoffnungen und die Neugier, die den Motor der Phantasie überhaupt erst in Gang setzen und am Laufen halten. Denn unsere Welt in 10 Jahren ist, von heute aus gesehen, trotz aller Hochrechnungen unvorstellbar, wie ein unbekannter Planet, den noch niemand betreten hat. Aus der Perspektive der künftigen Gegenwart hingegen, die hinter der Glasscheibe liegt, zeigt sich diese Zukunft als Normalität. Real, banal, und trotzdem voller Überraschungen - wie der Theaterabend auch: Denn vor der Vorstellung weiß niemand, wessen Weg heute Abend die Szene kreuzt. Wer dem Elch begegnen wird, wer sein Glück oder seine entlaufene Katze sucht, wer über die Bordsteinkante stolpert oder einfach nur durch den Abend flaniert. Wir lassen uns eben  überraschen: Von der Gegenwart, die während unserer Zukunfts-Performance hinter der Glasscheibe stattfindet. Der Blick des Publikums durch das Schau-Fenster ins Freie, in den anderen, realen Raum hinter der Scheibe, macht das Schauspiel zum Vexierspiel: Was ist, was war, was wird, was ist drin, und wer ist draußen? Die Zeitebenen durchdringen einander. Aber wir sind und bleiben in der Gegenwart. Auch wenn wir den aussichtslosen Versuch, die Zukunft in den Griff zu kriegen, einfach nicht lassen können.

 

 

CREDITS

 

Regie: Uli Jäckle | Musik: Roman Keller | Kostüme: Elena Anatolevna 

von und mit: Irene Eichenberger, Luzia Schelling, Florian Brandhorst, Oliver Dressel, Arnd Heuwinkel, Michael Wenzlaff

Gefördert durch das Land Niedersachsen

 

 

TERMINE

 

  •     Mär. 2011 | Weinsziehr-Haus Hildesheim
  •     Jan. 2011 | Staatstheater Braunschweig
  •     18. Dez. 2010 | Weinsziehr-Haus Hildesheim | Premiere

 

 

PRESSESTIMMEN

 

aus "DER MENSCH ALS AUSLAUFMODELL"
"Besonders famos an diesem Abend ist die Tatsache, dass so viele Menschen etwas davon haben. Zum Beispiel die Passanten, die ahnungslos durch die Wallstraße spazieren und irritiert feststellen, dass erwachsene Menschen mit geöffneten Koffern und Taschen sichtlich erregt in der Gegend herumrennen, als wollten sie irgendetwas auffangen, das vielleicht vom Himmel fällt."

..."Und jetzt fällt manch einem auch auf, dass dort, auf der anderen Scheibenseite, das Premierenpublikum sitzt und ebenfals einen ziemlich verblüfften Eindruck macht. Das Theater ASPIK hat seit jeher eine Schwäche für kuriose Ortserkundungen und bringt seine Inszenierungen gern in Industriehallen, Supermärkten oder universitären Hörsalen unter. Diesmal hat es sich eine überaus ergiebige Nicht-Bühnen-Konstruktion von Drinnen-und-Draußen, von Anschauen und Angeschaut-Werden einfallen lassen für „Spekulationen“ – so heißt das von Uli Jäckle und Silke Lange inszenierte Stück, denn es imaginiert sich die Welt in zehn Jahren."

..."Oliver Dressel und Michael Wenzlaff turnen und dozieren, ereifern sich über Schwarmintelligenz und evolutions-pädagogische Spiele für die Playstation. Irene Eichenberger aber hat den Elchkopf auf und nähert sich zärtlich dem scheu auf der Fußmatte seiner Behausung festgewachsenen Arnd Heuwinkel. Denn, das gibt das Radio bekannt „Aufgrund der milden Witterung ist mit einer extrem erhöhten Elchdichte im Innenstadtbereich zu rechnen“.

 

..."Es liegt ein unheilvoller Pessimismus unter dem dadaitischen Klamauk, die Vorstellung nämlich, der Mensch könnte sich als Auslaufmodell erweisen. Und so wie hier immer wieder vom rätselhaften Verschwinden einzelner Zeitgenossen die Rede ist, entleert sich auch die Szene in den cleveren Hörspielcollagen von Carsten Schneider und Suzanne Hensel –Zusammenschnitte von Radiostimmen vom 6.10.2010, die immer wiederholen, es lägen keine Meldungen vor. Worte werden aneinandergereiht, alphabetische Assoziationsketten  entstehen..."

..."Das alles verzichtet auf erzählerische Vertiefungen, formt sich aber dennoch zu einer von szenischer Kreatitvität und bizarrem Witz schier überschäumenden Stunde. Das Auskosten hingebungsvoll ausgeführter Einzelaktionen verselbständigt sich, trägt mehr und mehr den Sieg über jegliche Bedeutungssuche davon und schafft im Innenraum wie auf der Straße Augenblicke reinster Zuschauerlust. Und so können die staunenden Passanten in der Wallstraße am Ende Schauspieler, Regisseure und den am Spiel beteiligten Wirt der Hopfenkammer vor der Kneipe stehen und sich verbeugen sehen. Und drehen sie sich dann verwundert um, erblicken sie hinter einer Schaufensterscheibe ein Publikum, das wild applaudiert und selbst immer noch ein bisschen perplex aussieht."
André Mumot, Hildesheimer Allgemeine, 21. 12. 2010