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SPEICHER / Ebbe der Erinnerung

Sie schwirrt durchs Web, sie schwebt auf Clouds, sie flackert milliardenfach durch die sozialen Netzwerke: Digitalisierte Erfahrungsmasse – ausgelagert, aber jederzeit verlustfrei verfügbar. Unsere mentalen Erinnerungen sind demgegenüber sprung- und lückenhaft, fragmentarisch, subjektiv und ständig in Bewegung. Bei jedem Abrufen werden sie neu angeordnet, bewertet und dann von Neuem ins Gedächtnis eingeschrieben: ein Prozess, der zeitlebens in Gang bleibt und unsere Identität ausprägt.
Immer öfter helfen digitale Speichermöglichkeiten dem Gedächtnis auf die Sprünge – und besetzen zunehmend Lebensbereiche, für die bisher das Erinnerungsvermögen zuständig war. Schon 1997 hat sich der Computeringenieur Gordon Bell mit dem epochalen Microsoft-Rechercheprojekt „MyLifeBits“ zum Ziel gesetzt, sein Leben so umfassend wie möglich zu digitalisieren und damit der Vergänglichkeit ein Schnippchen zu schlagen: Programme archivieren seine Webaktivitäten, Telefonate und Vorträge, die gehörte Musik, das gesehene Fernsehprogramm, und eine Kamera fotografiert automatisch die Begegnungen mit seiner Umwelt. Aber auch jenseits wissenschaftlicher Experimente verändern digital vordokumentierte Abenteuerreisen oder digitale Grabsteine bereits heute die Aufgabenbereiche für unser althergebrachtes Gedächtnis. Bevor wir irgendwann Speichern mit Erinnern verwechseln, taucht Theater Aspik noch einmal ein in die Welt der analogen Erinnerung: In das Verschwommene, Hybride, Sprunghafte, nur bruchstückhaft Glasklare, ins wild Phantasierende, Unzuverlässige. In die Welt der Neuinterpretationen und der leeren Seiten.


Credits

Regie: Anne Hirth | Ausstattung: Silvia Albarella
Von und mit: Florian Brandhorst, Oliver Dressel, Arnd Heuwinkel, Luzia Schelling

Gefördert durch das Land Niedersachsen, den Fonds Darstellende Künste, die Stiftung Niedersachsen und die Friedrich Weinhagen Stiftung, Hildesheim.


Termine

Karten gibt es online unter www.theaterhaus-hildesheim.de oder unter der Telefonnummer (05121) 698 14 61

16. Okt. 2014 | Weinsziehr, Hildesheim | 20:00 

17. Okt. 2014 | Weinsziehr, Hildesheim | 20:00   

18. Okt. 2014 | Weinsziehr, Hildesheim | 20:00

23. Okt. 2014 | Weinsziehr, Hildesheim | 20:00

24. Okt. 2014 | Weinsziehr, Hildesheim | 20:00

25. Okt. 2014 | Weinsziehr, Hildesheim | 20:00

11. Dez. 2014 | LOT Theater, Braunschweig | 20:00

12. Dez. 2014 | LOT Theater, Braunschweig | 20:00

13. Dez. 2014 | LOT Theater, Braunschweig | 20:00

05. Feb. 2015 | LOT Theater, Braunschweig | 20:00

06. Feb. 2015 | LOT Theater, Braunschweig | 20:00

07. Feb. 2015 | LOT Theater, Braunschweig | 20:00

weitere Termine 2015 folgen


Pressestimmen

Aus "Ein Diavortrag bei Fremden"
"(...) Was bleibt, ist das An und Aus des Projektors. Ein Schattenspiel. Regisseurin Anne Hirth nutzt die Tiefe des Raumes, die Leerstellen. (...) Am Anfang ergründen die vier Schauspieler die Bühne. Tasten sich vor ins Hinterstübchen. Gerümpel wirft Schatten. Erinnerungsstücke als Requisite und Kostüm. Ein Bobbycar rutscht über Teppichboden, wie im Kubrick-Shocker "Shining" – eine Plastikhupe quietscht, Lacher im Publikum: Das kennt jeder. Die Schaupieler gehen von ihren eigenen Erinnerungen aus. Unversehrte Bruchstücke, in denen sich Vergangenes spiegelt. Wie die Lammfellbezüge im Familienauto, von denen Arnd Heuwinkel erzählt. Oder der Geruch von verbranntem Gummi, der Florian Brandhorst noch in der Nase hängt, nachdem der Großvater mit seinem Fünfer-BMW, sechs Zylinder, eine rote Ampel überfahren hatte. Oder der schicksalhafte Zufall, von dem Oliver Dressel erzählt: Dass man ausgerechnet am Karfreitag tanzen gehen wollte. Und dann passierts. Autounfall. – Es sind diese Details, die Roland Barthes in seiner "Hellen Kammer" in den Begriff des des punctums fasst. Aber lassen sich diese Fixpunkte der Erinnerung fassen? Oder sind sie wie Bühne und Requisite frei kombinierbar? "Meine Großmutter hatte sechs Zylinder", schwärmt Luzia Schelling, "und im Urlaub hat sie jeden Abend einen davon aufgesetzt". Und Florian Brandhorst ist sich sicher: "Die Polizisten in Bad Kissingen sind mit Lammfell bezogen." Dieser Ansatz ist überzeugend: Dass man bei Unfällen ansetzt, Narben , die im Gedächtnis bleiben, um anschließend die persönlichen Momentaufnahmen in Bewegung geraten zu lassen. Bis sich alles verheddert, Geschichte wird. (...)

Maximilian Balzer, Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 18.10.2014